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15.02.2020 ~ Arbeitskreis Internationale Landwirtschaft

Brasilien ist Weltmeister beim Pestizideinsatz

„Durch Mercosur importiert die Europäische Union Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung“, warnt Prof. Dr. Antônio Andrioli, Mitbegründer der „Universidade Federal da Fronteira Sul“ in Brasilien.  An der staatlichen Universität beschäftigt man sich neben vielen anderen Fächern mit nachhaltiger Landwirtschaft und Ökolandbau. Vor rund 70 Zuhörern erläutert Andrioli in der Ländlichen Heimvolkshochschule Hohebuch das geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten sowie dessen Folgen.

Die Veranstaltung fand im Rahmen der zweitägigen Tagung „Mercosur: Solidarität und Partnerschaft mit Brasilien“ statt. Der Arbeitskreis Internationale Landwirtschaft des Evangelischen Bauernwerks Hohebuch und der Bundestagsabgeordnete der Grünen Harald Ebner hatten dazu eingeladen.

Durch Mercosur werden unter anderem die Importe von billigem Fleisch und Ethanol ansteigen. Die damit einhergehende Ausbreitung von Monokulturen und die zunehmende Tiermast werden laut Andrioli in Brasilien dazu führen, dass Brandrodungen sich noch drastischer ausbreiten und bäuerliche wie indigene Strukturen zerstört werden. Gleichzeitig bringt der zugesagte Export von Milch nach Lateinamerika die bäuerlichen Milchviehhalter dort in Bedrängnis. Die ohnehin starke Landkonzentration wird sich nach Ansicht des ausgebildeten Agrartechnikers und studierten Soziologen erhöhen und eine dringend erforderliche Agrarreform in Brasilien verhindern.

Soja, Zuckerrohr und Eukalyptus stellen die Hauptanbauprodukte brasilianischer Monokulturen. Mit 1 Mrd. Kilogramm ausgebrachter Pestizide pro Jahr, verbunden mit dem Anbau gentechnisch veränderter Kulturen, sei Brasilien Weltmeister beim Pestizideinsatz, so Andrioli. Glyphosat ist dabei die Nummer eins. „Einige der in Brasilien verwendeten Spritzmittel sind in Deutschland längst nicht mehr zugelassen“, erläutert der Wissenschaftler. Über importierte Futtermittel kämen sie in unsere Futtertröge und schließlich auch auf unsere Teller. Andrioli sieht im Fleischkonsum einen wichtigen Treiber des Klimawandels und des Biodiversitätsverlustes.

Der Grüne Bundestagsabgeordnete Harald Ebner weist auf Bestrebungen innerhalb der EU hin, das Vorsorgeprinzip durch ein sogenanntes Innovationsprinzip zu ersetzen. Darin sieht er die Gefahr, dass auch bei uns Zulassungen vereinfacht und gefährliche Produkte auf den Markt kommen können. „Damit Verbraucher eine echte Wahl haben beim Kauf von Lebensmitteln, braucht es eine verbindliche Kennzeichnung“, so Ebner. Das Grüne Rautenzeichen „Ohne Gentechnik“ zum Beispiel diene dazu, auch bei tierischen Produkten diejenigen auswählen zu können, die ganz ohne Gentechnik erzeugt wurden.

Auf Andriôlis Bitte weiterzumachen versicherte Angela Müller vom Evangelischen Bauernwerk ebendies zu tun. Schließlich beschäftige man sich hier schon seit 35 Jahren mit Futtermittelimporten.  Denn Bauern weltweit säßen in einem Boot und trotz unterschiedlicher Probleme sind die Lösungsansätze oft dieselben. Bauern und Wissenschaftler sollten zusammen an neuen Lösungen für eine zukunftsfähige Landwirtschaft arbeiten, ist Andrioli überzeugt. In Europa sieht er noch Hoffnung für eine Wende in der Agrarpolitik, die der Natur, den Bauern und Verbrauchern gerecht wird.

„Mit einer Regierung Bolsonaro, die Meinungsfreiheit und Menschenrechte mit Füßen tritt, darf man keine Abkommen machen.“

Aktuelle Anmerkung: Mittlerweile hat das EU-Parlament das Abkommen in seiner derzeitigen Form wegen negativer Umweltwirkungen abgelehnt.

Angela Müller