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Vorträge und Referate

Stellungnahme von Dr. Clemens Dirscherl zum Thema "Die Schätze des Landes schätzen" auf dem Landpodium des Evangelischen Kirchentages 2007 in Köln

Die Schätze schätzen?

Tun wir das? Die Schätze unserer Landwirtschaft schätzen?

Was sind überhaupt Schätze?

Schätze sind verborgene Dinge, verloren gegangen oder verloren geglaubte, die man wieder gefunden hat. Deshalb freut man sich auch so sehr, wenn in Vergessenheit Geratenes wieder oder auch neu entdeckt wird. "Welch ein Schatz" - rufen wir dann in Freude oder Überraschung aus.

Schätze sind teuer, wertvoll - eben voll Wert für einen und darum werden sie sorgfältig bewacht, ge- und behütet. Geld, Münzen, Schmuck, Perlen, Juwelen - das sind gemeinhin die klassischen Schätze, die Reichtum versprechen. Sie sind auch gemeint, wenn es biblisch heißt "Du sollst Dir keine Schätze sammeln". Doch wem kommen angesichts von Schätzen nicht die sehnlichst erhofften Schatzsuchen der Kindheit in Erinnerung, wo man mit Schatzkarten Schätze gar auf einer Schatzinsel vermutete.

Einst war auch Essen bei uns eine Kostbarkeit - weil es nicht selbstverständlich war, abends satt zu Bett zu gehen. Und die Wertschätzung eines Besuchs kommt kulturell bis heute durch ein gereichtes Gastmahl zum Ausdruck. Aber je mehr wir von etwas haben, umso weniger wertvoll wird es. Standardisierte Massenware ist zwar sehr begehrt, wie wir als Verbraucher im Discounter erleben, doch wohl kaum noch geschätzt. Sogar eher das Gegenteil: gering geschätzt, weil wir achtlos, ja nahezu abschätzig und abwertend mit solcher Billigware umgehen. "Was nix koscht - ist nix wert" - heißt es im Schwäbischen. Ist es etwa "geil" als Gast eine 5-Minuten-Terrine aus dem Plastikbecher vorgesetzt zu bekommen? Gereicht es mir zur Ehre, wenn ich meinen Magen immerzu mit einem Hamburger abspeise?

Dabei ist Nahrung eigentlich ein bleibender Wert - ein Schatz - er sichert unser Leben, unser körperliches wie seelisches Wohlbefinden. Deshalb wird auch so viel Wirbel um ihn gemacht: jeder hätte ihn gerne den richtigen Schatz Nahrung, würde ihn gerne finden und starrt daher gebannt auf die modernen Schatzkisten - in die Kochstudios der Fernsehkanäle und die Kochbücher. Und doch ist der Schatz des Essens so leicht zu finden. Nicht im 3-Sterne-Gourmet-Tempel, sondern in unserem Nahrungsangebot, das uns das Land schenkt. Lebensmittel als das täglich Brot, das seinen Preis hat - eben preiswert ist, und von hoher Güte - eben hochwertig. Das können wir "kosten" und haben es vorhin bei Erdbeerquark auch getan. Ein kostbarer Schatz. Dank unserem Gott für diese Schöpfungsgaben. Dank dem Wissen, wie man mit ihnen achtsam und in Würde umgeht, Dank den Bäuerinnen und Bauern, dem Ernährungshandwerk und allen Beteiligten, die uns solche Schätze offenbaren.

Trotzdem bleiben auch heute Tische leer. Wenige Scheiben Brot, die Schale mit Reis, das Stückchen Fleisch werden zu Kostbarkeiten. 800 Mio Menschen hungern weltweit; sie träumen von solchen Schätzen, die für uns selbstverständlich scheinen. Zugleich wissen wir, dass immer mehr Menschen weltweit mit Nahrung versorgt werden müssen. Heute 6,8 Milliarden, morgen acht, übermorgen vielleicht zehn oder zwölf Milliarden. Wie kriegen wir die Teller gefüllt angesichts der unausweichlich erlebbaren Klimaveränderung: Wetterextreme wie Trockenheit und Unwetter stellen die große Herausforderung für unseren Gastgeber Ackerland dar.

Gleichzeitig stellen wir fest: was vom Acker kommt, kann auch das Klima schonen und die kostbaren Energievorräte teilweise ersetzen. Biomasse präsentiert sich als "grüne Energie", nämlich regenerative, in der die Sonnenenergie gespeichert ist:

- Energie in flüssiger Form als Treibstoff, z.B. Biodiesel  

- Energie in Brennform zum Heizen, z.B. schnell wachsende Hölzer aber auch künftig vielleicht immer mehr Getreide

- Energie in Biogasanlagen zur Einspeisung ins Strom- oder Gasnetz, z.B. aus Mais.

Neue Schätze des Landes werden gegenwärtig entdeckt. Und schon stehen die Schatzpiraten und Freibeuter bereit, um sich an der Kostbarkeit Energie zu bereichern. Schnelle Wege zu schnellem Geld werden gefordert, propagiert und eingeschlagen. Wird hier der Energie-Schatz noch wertgeschätzt oder nur noch grob taxiert, abgeschätzt. Die ersten Fehlschätzungen aufgrund ungenauer oder fahrlässiger Abschätzungen werden bekannt oder bahnen sich an: überdimensionierte Biogasanlagen mit produktionstechnischen wie ökonomischen Pleiten, Pech und Pannen! Mancher hat sich bereits ganz schön verschätzt. Und wenn, wie bei der Ernährung, das wahre Schätzen verlernt wird, die Werte verloren gehen, sich die Massenenergieerzeugung Bahn bricht, macht sich Achtlosigkeit und Maßlosigkeit breit: bei der Fruchtfolge, der Bodengesundheit, der Einschätzung von Klima- und Energiebilanzen, selbst bei Sozialbilanzen, wenn es um die Pachtmärkte vor Ort und die globalen Weltmärkte geht.

Eine Konkurrenz zwischen "vollen Tellern" und "vollen Tanks" wird befürchtet:

- Wir Wohlstandsbürger des Nordens essen uns ebenso reichlich wie gedankenlos satt, fahren schnelle Autos, heizen uns ein, genießen das Leben - ein Tanz auf dem Vulkan?

- die künftigen Wohlstandsbürger der Schwellenländer wie Brasilien, Indien und China folgen unserem "Lifestyle", finden ihre nachholende wirtschaftliche und technische Entwicklung nach unserem Vorbild nur angemessen, werden immer Auto-mobiler und entdecken auch den Genusswert des Fleisches. Doch auch Rinder, Schweine und Geflügel wollen erst gefüttert werden, bis sie auf den Tellern landen. Auch dazu braucht es Äcker in Konkurrenz zum Nahrungsgetreide und den boomenden Energiepflanzen.

- Und was bleibt den Menschen, die an Biosprit fürs Auto, Biogas für "grünen" Strom erst gar nicht denken, weil sie noch nicht einmal genügend Feldfrüchte vom Acker für ihre Nahrung haben?

Wie können wir als Christen die vielfältigen Schätze des Landes heute und morgen wieder neu schätzen?

- In Einklang mit der Schöpfung,

- In Solidarität mit allen Völkern,


- In nachhaltiger Verantwortung für die künftigen Generationen?

Clemens Dirscherl, 14.06.2007

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