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Presse und Publikationen

Mit dem Zug von Hof zu Hof

Als Zivi-Betriebshelfer beim Evangelischen Bauernwerk

Gleich nach dem Abitur habe ich am 1. Juli 2008 meinen Zivildienst beim Evangelischen Bauernwerk in Württemberg als landwirtschaftlicher Betriebshelfer begonnen. Meine Aufgabe war es, Landwirtsfamilien in Notsituationen bei der Arbeit zu unterstützen. Schnell stellte sich heraus, dass es nicht möglich war, die Betriebe täglich von zuhause aus zu erreichen, da das Einsatzgebiet sich über ganz Württemberg erstreckte. So stellte ich mich darauf ein, auf den Höfen auch zu übernachten. Als Problem erwies sich jedoch schon gleich beim ersten Einsatz, dass ich kein eigenes Auto besaß und mir den Wagen meiner Mutter leihen musste. Auf Dauer konnte das jedoch keine Lösung sein und so war ich gezwungen, mir entweder ein eigenes Auto zu kaufen oder öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen. Experimentierfreudig und im Interesse des Klimaschutzes versuchte ich es zunächst einmal mit Bus und Bahn und merkte bald, dass das gar nicht die schlechteste Lösung war. Zum einen konnte ich mit meinem Zivildienstausweis umsonst fahren, zum anderen war das Reisen mit dem Zug viel entspannter: es gab keine Verkehrsprobleme wie Stau oder schlechtes Wetter, während der Fahrt hatte ich genügend Zeit, mir die unterschiedlichen Landstriche anzuschauen, zu lesen oder auch einmal etwas Schlaf nachzuholen.

Ein spannender Moment während der Fahrt war jedoch meistens die Begegnung mit dem Zugpersonal. Das reagierte auf die Eintragung in meinem Dienstausweis ganz unterschiedlich, weil ich ja keine feste Dienststelle hatte und somit auch kein Zielbahnhof eingetragen werden konnte. Auch mit der Benennung des Betriebshelfers hatten manche ihre Schwierigkeiten und konnten sich gar nicht vorstellen, dass da einer mit dem Zug von Hof zu Hof zum Einsatz fährt. Auf Anraten eines Schaffners vermerkte ich dann in meinem Ausweis „wechselnde Einsatzbetriebe in Württemberg“. Auch bei späteren Fahrten stutzte so mancher Kontrolleur und wusste mit meiner Fahrkarte und meinem Zivildiensteinsatz auf Bauernhöfen gar nichts anzufangen. Ein älterer Schaffner gestand sogar ein, dass er in seiner langen Bahnkarriere so etwas noch nie erlebt habe. Aufgrund der wechselnden Betriebe begegnete ich jedoch denselben Schaffnern nur einmal und kam immer wieder gut ans Ziel.

Im Einsatzgebiet angekommen, wurde ich stets von einem Mitglied der Familie abgeholt und vom Bahnhof zum Bauernhof transportiert. Meist handelt es sich um kleinere Bahnhöfe, so stand man sich am Bahnsteig recht schnell von Angesicht zu Angesicht gegenüber und die Einsatzbetriebe räumten ein, dass sie selbst nur noch selten mit der Bahn fahren. In diesem Moment, wo man zunächst ganz fremden Menschen gegenübersteht, war es hilfreich, dass nach den Telefonaten, die man zuvor geführt hatte, nun über die Bahnfahrt berichtet werden konnte und somit der erste Anknüpfungspunkt gegeben war.

Egal wo ich meinen Einsatz absolvierte, ob in Hohenlohe oder auf der Alb, bei allen Betrieben handelte es sich um ausgesprochen nette Familien, mit denen ich sehr gut auskam und die mich freundlich in ihre Runde aufnahmen. Ungemein anregend für mich war, dass ich auf diese Weise auch unterschiedliche Regionen, mit vielfältigen Betriebsformen und Arbeitsorganisationen kennen lernen konnte: Schweinebetriebe wie Milchviehbetriebe, konventionelle, aber auch einen Demeterbetrieb. Auch landschaftlich konnte ich von den riesigen Ackerflächen im Hohenlohischen und dem Gäu bis zu den hügligeren Regionen im Taubertal oder der Weinbauregion rund um Heilbronn einiges erleben.

Der Zivildienst als landwirtschaftlicher Betriebshelfer kann als eine Art Praktikum angesehen werden, bei der man ungemein vielfältige Erfahrungen sammeln kann: unterschiedliche Techniken, Herangehensweisen an Maschinen, Umgang mit Tieren und ackerbauliche Kenntnisse. Und dass ich in der fast 40-jährigen Zivi-Geschichte des Evangelischen Bauernwerks der erste bahnfahrende Betriebshelfer war, brachte für die Einsatzleitung wie auch für die Familien vor Ort auch noch eine besondere Note.


Christian Lenz



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