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Presse und Publikationen

Gesunde Tiere – auch bei hoher Leistung

Wintertagung der Stadt-Land-Partnerschaft zum Thema Tierwohl

Kaum ein anderes Thema beschäftigt die öffentlichen Debatten rund um die Landwirtschaft wie die Tierhaltung. Immer wieder wird der Vorwurf laut, hohe Leistungskennziffern bei Kühen und Schweinen führe zu kranken Tieren und damit auch zu mehr Leid im Stall. Damit befasste sich die Wintertagung der Stadt-Land-Partnerschaft im Evangelischen Bauernwerk in der Ländlichen Heimvolkshochschule Hohebuch.

Für das Thema Mastschweine und Ferkelerzeugung gab Michael Asse von der Landesanstalt für Schweinezucht Baden-Württemberg aus Boxberg einen Überblick: Hohe Leistung definierte er dabei als hohe tägliche Zunahme bei den Mastschweinen und mit vielen Ferkeln pro Sau und Jahr bei der Ferkelerzeugung. Wie beim Menschen sei jedoch die Definition von Gesundheit und Krankheit problematisch, weil sie über verschiedene Parameter den körperlichen Zustand, aber auch das individuelle Wohlbefinden umfasse. Gesund sein bedeute Schmerzfreiheit und kein negativer Stress. Zusätzlich werde von einem harmonischen Zustand zur Umwelt und innerer Gefühlslage ausgegangen. Grundsätzlich ginge es dabei um Maßstäbe und Bewertungen. Am einfachsten sei dies im Nachhinein am geschlachteten Tier, indem man äußere Verletzungen, Parasitenbefall und Organbefunde z.B. bei Lungen- und Herzschäden ermitteln und bewerten könne. Um am lebenden Tier ein objektives Bewertungsverfahren zu finden, arbeite z.B. das System der „Welfare Quality“ in den Bereichen Tiergesundheit, Tierwohl und Tierverhalten, wobei nach insgesamt zwölf Kriterien Beurteilungsmaßstäbe aufgestellt würden. Im Vergleich zwischen konventionellen und sogenannten alternativen Haltungssystemen, selbst innerhalb der ökologischen Schweinehaltung, gebe es hier nur geringe Unterschiede.

Grundsätzlich räumte der Fachmann mit dem Vorurteil auf, dass hohe Tierleistung zwangsläufig zu mehr Krankheiten führe. Gleichwohl müsse die heutige Schweinehaltung beim Stallbau neue Gesichtspunkte berücksichtigen, um bessere Haltungssysteme zu erreichen, mit der mehr Artgerechtheit für das Tier verbunden sei: mehr Beschäftigungsmöglichkeiten, weniger Gülle im Stall sowie ein optimales Fütterungs- und Beobachtungsmanagement.

Als Grundlage ihrer Ausführungen zum Thema Milchviehhaltung stellte Dr. Renate Lindner vom Landwirtschaftlichen Zentrum Baden-Württemberg in Aulendorf die so genannte Göttinger Erklärung der Agrar- und Veterinärakademie vor, welche deutliche Kritik an der hohen Leistungsorientierung der Holstein-Milchviehrasse äußerte. Hohe Milchleistung sei mit Krankheiten und vorzeitigen Abgängen verbunden. Ähnlich wie bei der Schweinehaltung seien die Betriebe aber darauf angewiesen, eine hohe Leistung im Stall zu erbringen, um das Einkommen der bäuerlichen Familie stabil zu halten. So stellte die Referentin klar, dass die Zucht auf hohe Milchleistung in den letzten Jahrzehnten erfolgreich war. Von 1990 bis heute sei die durchschnittliche Milchleistung in Deutschland von 5653 kg auf 8532 kg pro Jahr gestiegen. Dabei sei die Nutzungsdauer etwas zurückgegangen, am Anfang sogar recht deutlich. Ursache hierfür waren Fruchtbarkeitsprobleme, weil genetisch eine negative Beziehung zur Milchleistung bestehe. In den letzten Jahren habe man bei den Zuchtzielen von Kühen auf das Funktionsmerkmal der Fitness mit Fruchtbarkeit, Gesundheit, Nutzungsdauer, Melkbarkeit, Durchhaltevermögen in der Laktation jedoch neue Wege beschritten. Dies sei auch vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Tierschutzdiskussion erfolgt. Konkret zog die Rinderexpertin ihr Fazit: auch für die Kühe könne sie die Kritik von hoher Leistungsorientierung und negativer Gesundheit so nicht stehen lassen. Jedoch gebe es je nach Betrieb unterschiedliche Anforderungen für das Haltungsmanagement der Kuh. Der hohe Anspruch einer Hochleistungskuh könne mit dem Haltungsmanagement nicht in jedem Stall erfüllt werden. Jeder Landwirt müsse sich die Frage stellen, ob eine Kuh mit hohem Leistungspotential in seine Haltungsbedingungen passe. In Baden-Württemberg arbeitet dazu das Forschungsprojekt „Optikuh“, mit dem man die optimalen Bedingungen für die Milchkuh unter den heutigen Anforderungen wie Tierwohl, Robotermelkbarkeit, Lebensleistung und Wirtschaftlichkeit sowie Klimaeinflüsse berücksichtige.

In der Plenums-Diskussion unter den gut 40 Teilnehmern wurde kritisch angemerkt, ob die ständige Leistungssteigerung bei den Tieren nicht an Grenzen stoße. Junge Landwirte kritisierten die wachsenden gesellschaftlichen Anfragen an die Tierhaltung: ob diese mit der Preisgestaltung im Lebensmitteleinzelhandel und der Erlössituation auf den Höfen zusammenpassten. Immer mehr Arbeit auf den Betrieben bei fehlenden Zukunftsperspektiven würden sogar den Strukturwandel in der Landwirtschaft forcieren und zu immer größeren Betriebseinheiten führen, was gesellschaftlich nicht erwünscht wäre. Für die Stadt-Land-Partnerschaft wurde deutlich, dass der Dialog zwischen gesellschaftlich gewünschtem Tierwohl und praktischer Umsetzung in der Landwirtschaft fortgesetzt werden muss.

Hohebuch, 9.1.2017


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