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Presse und Publikationen

Das tägliche Brot in der öffentlichen Kritik

Herbsttagung der Stadt-Land-Partnerschaft in Hohebuch:

„Weizenwampe“ oder „Dumm wie Brot“ waren in den vergangenen Jahren Spiegel-Bestseller und haben die Debatte um Glutenunverträglichkeiten, Übergewicht und Diabetes mit angeheizt. Dabei wird der Verzicht auf Weizen als das Allheilmittel gegen alle möglichen Krankheiten versprochen. Das bricht mit der Tradition des Brots als Nahrungsgrundlage und auch Symbol christlichen Glaubens. Die Stadt-Land-Partnerschaft im Evangelischen Bauernwerk lud daher zu ihrer Herbsttagung in die Ländliche Heimvolkshochschule Hohebuch. Dr. Katharina Scherf vom Leibniz-Institut für Lebensmittelchemie der Technischen Universität München ein, die sich schon länger mit dem Thema befasst.

Wie steht es um den Imagewechsel des Grundlebensmittels Brot? Unmissverständlich machte die Wissenschaftlerin klar, dass die heutige Diskussion durch mangelnde theoretische Erkenntnisse, falsche Behauptungen und Fehlinterpretationen gekennzeichnet sei. Grundlegend für das Verständnis sei das Wissen um die Problematik von Gluten als Allergen. Gluten ist ein Speicher-Eiweiß (Protein), das in vielen Getreiden wie Weizen, Roggen, Gerste, Dinkel und Hafer enthalten ist. Rund ein Prozent der Bevölkerung reagiert auf glutenhaltige Lebensmittel mit chronischen Erkrankungen des Dünndarms, der sogenannten Zöliakie. Diese könne mit einem Verzicht auf glutenhaltige Lebensmittel therapiert werden.

Die Behauptung, Weizen enthalte das süchtig machende Opioid, konnte die Referentin entkräften. Reis, Fleisch und Milch enthielten alle diese Inhaltsstoffe, ohne dass dies öffentlichkeitswirksam problematisiert würde. Im Gegenteil: Weizenverzehr führe sogar zur Ausschüttung von sogenannten Sättigungshormonen. Auch ein anderes Argument, moderner Weizen sei gentechnisch so verändert, dass die Proteine potentiell toxisch seien, konnte widerlegt werden. Weltweit sei kein gentechnisch veränderter Weizen auf dem Markt und es gebe weder neuartige Proteine noch höhere Gehalte an Proteinen im „modernen Weizen“. Nacheinander zerpflückte die Referentin die Negativbewertungen, die in der Debatte um Getreide landläufig behauptet werden. Weder die Zunahme von Zöliakie könne wissenschaftlich bestätigt werden, noch, dass ein Verzicht auf Weizen zu mehr Lebensqualität und Energie führe. Dies könne auch durch eine kalorienreduzierte Ernährung erreicht werden.

Im Anschluss an die lebhafte Diskussion mit den Tagungsgästen zeigte sich Frau Dr. Scherf als Wissenschaftlerin irritiert, dass Scheinargumente heute in der Öffentlichkeit ein derartiges Gewicht bekommen könnten – eine Bestätigung für die vermehrt geäußerte Gefahr eines post-faktischen Zeitalters, dem wir uns näherten. Wenn eine eindeutig ärztlich diagnostizierte Unverträglichkeit einen Verzicht auf glutenhaltiges Getreide rechtfertige, dann müsse man die glutenfreien, am Markt sehr teuren Spezialprodukte kaufen. Wenn aber gesunde Menschen glutenfreie Produkte kauften, sei dies lediglich ein pfiffiger Marketing-Gag der Lebensmittelwirtschaft, die mit Wellness, Fitness und Gesundheit dem Verbraucher Geld aus der Tasche ziehe.

Hohebuch, 18.10.2016
Susanne Röper

Dr. Katharina Scherf
Teilnehmer der Herbsttagung

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