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Presse und Publikationen

Multi-Kulti auf dem Teller

Frühjahrstagung der Stadt-Land-Partnerschaft zu regionaler Esskultur und Kulturlandschaft

Trauben und Orangen liegen auf unseren Obsttellern. Erbsen, Linsen, Bohnen und Sellerie gelten als deutsches Gemüse. Was ist heimische Ernährung, was entspricht veränderten Ernährungsgewohnheiten – und wie wirken sie sich nicht nur auf die traditionelle Esskultur einer Region, sondern auch auf Landschaft und Landwirtschaft aus? Damit befasste sich die Frühjahrstagung der Stadt-Land-Partnerschaft des Evangelischen Bauernwerks in der Ländlichen Heimvolkshochschule Hohebuch.

Mit Dr. Inge Gotzmann, der Geschäftsführerin des Bundesverbandes für Naturschutz und Landschaftspflege aus Bonn, hatte man dazu eine versierte Referentin eingeladen. Die promovierte Biologin zeigte in einem breiten kulturhistorischen Bogen, wie sich Landwirtschaft und regionale Ausprägungen von Landschaften durch das Essen über Jahrtausende hinweg verändert haben. Kaum noch einer weiß, dass Emmer, Erbsen, Linsen, Hirse und Gerste erst über die Römer nach Deutschland eingeführt wurden. Bei ihnen handelt es sich um klassische „Wanderungspflanzen“. Und selbst der deutsche Roggen ist ein Migrant – er stammt aus der Türkei. Wie auch unsere Reben römische Wurzeln haben und heute zur deutschen Weinkultur zählen.

Tatsächlich zeigt sich, dass im Zeitalter der Globalisierung zunehmend Anbaustrukturen, Essgewohnheiten und Handelsströme durchmischt werden – mit gravierenden Auswirkungen auf das Bild von Kulturlandschaften. Nicht von ungefähr werden daher zunehmend Nahrungsgüter als Kulturerbe definiert: ob die italienische Pizza oder die schwäbischen Spätzle und Maultaschen. Damit verbunden ist die Frage, wie Kulturlandschaften von Hohenlohe, Tauber- und Kochertal, der Schwäbischen Alb oder im Schwarzwald künftig erhalten werden können. Je stärker die Spezialisierung im Agribusiness vorantreibt, umso mehr reduzieren sich traditionelle Anbauformen auf kleine Nischen, wie z.B. Streuobst mit Marmeladen oder Säften, Weine aus Steillagen oder Fleisch und Wurstwaren aus besonderen Nutzungsrassen. Sie sind Marktnischen, welche kulinarisch und kulturell positiv mit lokaler Handarbeit, Förderung regionaler Wirtschaftskreisläufe, unverfälschter Genussqualität assoziiert werden. Aber kann eine regionale Landwirtschaft auf breiter Ebene auch das traditionelle Landschaftsbild erhalten? Oder bestimmt die industriell organisierte Nahrungsmittelproduktion das globale Ernährungsverhalten?

Weltweit gibt es eine Vielfalt von 20.000 Apfelsorten – tatsächlich erfolgt für den Markt aber eine Einengung auf wenige gängige und rentable Sorten. Das Bild weidender Kühe reduziert sich zunehmend als Marketing der Milchindustrie. Ob solche Trends nun kulturpessimistisch betrauert werden oder normaler evolutionärer Prozess gesellschaftlicher Entwicklung ist – da gingen die Meinungen in der anschließenden Diskussion auseinander. „Akkulturation“ wird solche Angleichung von Ernährung, aber auch agrarischen Produktionsformen und Landschaftstypen genannt. Wenn von Seiten der Gesellschaft tatsächlich der Wunsch nach typischen Landschaftsformen besteht, sollte man dafür bezahlen, so die Referentin. Auch die Kultur in Theatern, Museen oder Opern werde finanziert: über Eintrittsgelder bzw. Steuermittel. Wenn Kultur-Landschaft wie bisher ein Gratisprodukt der heimischen Landwirtschaft bliebe, sei ihre Existenz aber kaum gesichert. Darin stimmten alle überein.

Hohebuch, 4.4.2016
Dr. Clemens Dirscherl

Gab spannende Einblicke in die kulturelle Entwicklung von Ernährung, Landwirtschaft und Landschaftstypen:
Dr. Inge Gotzmann vom Bundesverband für Naturschutz und Landschaftspflege

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