Presse und Publikationen
Vortrag von Jörg Dinger am 7.2.2010 beim Familiennachmittag der BAKs Vaihingen/Mühlacker in Ensingen
„Lass mich mit Freuden ohn alles Neiden ...“„Lass mich mit Freuden ohn alles Neiden ...“ Ich frage mich, ob Sie heute Nachmittag trotz dieser Themenformulierung hierher gekommen sind oder gerade deswegen. Trotz des Themas, das man durchaus als Provokation, ja als Zumutung empfinden könnte – aber aus Treue zum Arbeitskreis des Bauernwerks und vielleicht auch, weil sie gespannt sind, was ich als der noch relativ neue Landesbauernpfarrer dazu zu sagen habe? Oder gerade wegen des Titels, weil Sie die Provokation speziell in unserer von Neid und Gier vergifteten Zeit für notwendig und heilsam halten?
„Lass mich mit Freuden ohn alles Neiden ...“ Ohne Zweifel steckt darin eine Provokation, ob wir nun die Fortsetzung des Verses im Ohr haben oder auch nicht. Denn so viel ist schon mit diesen ersten Worten klar: es wird uns zugemutet, nicht neidisch zu sein auf den Mitmenschen, ihm vielmehr alles Gute, alles Gelingen von Herzen zu gönnen. Deutlicher wird das natürlich, wenn wir die komplette Strophe zur Kenntnis nehmen, die sechste aus Paul Gerhardts Morgenlied „Die güldne Sonne“:
Lass mich mit Freuden ohn alles Neiden
sehen den Segen, den du wirst legen
in meines Bruders und Nähesten Haus.
Geiziges Brennen, unchristliches Rennen
nach Gut mit Sünde, das tilge geschwinde
von meinem Herzen und wirf es hinaus. (EG 449, 6)
Eine Strophe, die wohl eher selten gesungen wird in unseren Gottesdiensten. Jedenfalls dann nicht, wenn das Lied als Morgenlied den Gottesdienst eröffnet. Man will den Gottesdienstteilnehmern ja nicht gleich zu Beginn eins mit der Moralkeule überbraten. Da gibt es eindeutig schönere Strophen für den Anfang: „Die güldne Sonne voll Freud und Wonne ...“ – „Mein Auge schauet, was Gott gebauet ...“ und vor allem: „Abend und Morgen sind seine Sorgen, segnen und mehren, Unglück verwehren sind seine Werke und Taten allein.“ Damit lässt sich ein Tag beginnen!
Freilich: Paul Gerhardts Lied bietet noch mehr Widerhaken, es spricht bei aller Freude an der Schöpfung und der Musik, bei allem Vertrauen in die Fürsorge des Schöpfers auch unbequeme Wahrheiten an. Zum Beispiel die, dass wir Menschen vergängliche, sterbliche Geschöpfe sind. Strophe 2 hatte da noch einen versöhnlichen Ton angeschlagen: „Und wo die Frommen dann sollen hinkommen, wann sie mit Frieden von hinnen geschieden aus dieser Erden vergänglichem Schoß.“ Strophe 7 dagegen formuliert drastisch: „Menschliches Wesen, was ist´s gewesen? In einer Stunde geht es zugrunde, sobald das Lüftlein des Todes drein bläst. Alles in allen muss brechen und fallen, Himmel und Erden, die müssen das werden, was sie vor ihrer Erschaffung gewest.“ Obwohl es ohne Zweifel wahr ist, so etwas hören wir alles andere als gerne, ganz zu schweigen von der Vorstellung, wir sollten es nach der schönen, strahlenden Melodie singen. Ähnlich bei diesen Worten aus Strophe 5, die das unangenehme Thema „Sünde“ ansprechen: „Laster und Schande, des Satanas Bande, Fallen und Tücke treib ferne zurücke, lass mich auf deinen Geboten bestehn.“ Fühlt sich wieder nach „Moralkeule“ an, kein Wunder, die anfangs zitierte sechste Strophe folgt ja unmittelbar.
Wie soll ich nun darauf reagieren? Zwei extreme Möglichkeiten bieten sich an: Ich könnte der Provokation ausweichen, mich zurückziehen auf die netteren Strophen, die harmlosen Themen, die uns nicht so auf den Leib rücken. Ein weich gespültes Christentum präsentieren, das niemandem weh tut, niemanden aufregt, dabei freilich belanglos bleibt und keinem wirklich hilft – das ist immer wieder eine Versuchung für uns Pfarrer. Oder ich könnte das Gegenteil tun, die Provokation genüsslich aufgreifen und zuspitzen, Ihnen die unbequemen Wahrheiten nur so um die Ohren schlagen in einer gesalzenen Moralpredigt. Manch ein Pfarrer, manch eine Pfarrerin tut dies nicht zuletzt zu Weihnachten, um die von ihnen so wahrgenommene Verlogenheit des Festes zu entlarven. Ganz zu schweigen von der üblen Evangelisationsmethode, die Sünde und Hölle in den finstersten Farben ausmalt, um Seelen für Jesus zu gewinnen. Alles schon erlebt! Manche scheinen das bis heute von uns als Kirche zu erwarten, autoritäres Auftreten, klare Ansagen, scharfe Alternativen, schwarz oder weiß, keine Zwischentöne, ja nicht zu differenziert.
Sie merken es: Diese Möglichkeiten will ich nicht aufgreifen. Nicht weich spülen, den unbequemen Wahrheiten ausweichen. Aber genauso wenig sie Ihnen um die Ohren hauen als Besserwisser, der von oben herab sagt, wo´s lang geht. Nein, ich möchte mich mit Ihnen zusammen der Provokation stellen, herausfinden, ob sie wirklich heilsam ist oder doch nur ärgerlich. Mit Ihnen möchte ich über das Thema nachdenken, das ja auch aus Ihrer Mitte an mich herangetragen wurde: Neid, Umgang miteinander, die Frage nach Werten, die tragfähig sind auch und gerade in Zeiten der Existenznot.
Fragen, die unsere ganze Gesellschaft, ja letztlich die Weltgemeinschaft betreffen. Die Finanz- und Wirtschaftskrise, die uns seit anderthalb Jahren zu schaffen macht, die hat ja viel zu tun mit ungebremster Habgier, mit aus dem Lot geratenen Wertmaßstäben. Neid und Habgier, das Thema des neunten und zehnten Gebotes – wie sehr damit der Finger auf einen wunden Punkt unserer Zeit gelegt wird, das wird mir in den letzten Jahren immer stärker bewusst.
Neid und Habgier, das ist also kein spezifisch landwirtschaftliches Thema. Dennoch haben Sie als Arbeitskreis des Evangelischen Bauernwerks sich von mir gewünscht, dass ich genau darüber reden soll. Und dabei die Lage der Bäuerinnen und Bauern berücksichtigen. Stichwort: Existenznot. Ihren Wunsch verstehe ich auch so, dass Neid, Missgunst und Habgier im Dorf und unter Bauern in der Tat eine heikle Rolle spielen. Auch wenn ich selber weder aus der Landwirtschaft stamme noch in einem kleinen Dorf aufgewachsen bin – mir ist sehr wohl bewusst, worum es dabei geht. Zum einen durch meine dreizehnjährige Tätigkeit als Pfarrer in einem landwirtschaftlich geprägten Dorf. Zum anderen durch die Herkunft meiner Frau. Und drittens dadurch, dass mein Vater als Notar viel mit Erb- und Besitzstreitigkeiten zu tun hatte, auch in Bauernfamilien. Viel hat er davon nicht erzählt. Aber nach dem, was ich in Erinnerung habe, war er oft nicht nur im rechtlichen Sinne gefragt, sondern als Schlichter, in der Schweiz würde man sagen: als Friedensrichter.
Ja, es hat den Anschein, dass im dörflichen Zusammenleben Neid und Missgunst auf besonders fruchtbaren Boden fallen – als Kehrseite dessen, dass man sich noch kennt, voneinander weiß, aneinander Anteil nimmt. Im Dorf konnte und kann es teilweise heute noch eine wunderbare Solidarität geben. Nicht nur gegen die aus anderen Dörfern – ein gemeinsamer Gegner, gegen den man sich abgrenzt, erleichtert ja den Zusammenhalt enorm –, sondern auch, indem man sich einfach hilft, Freud und Leid miteinander teilt. Ich habe das erlebt bei Festen auf der einen, bei der würdigen Art von den Verstorbenen Abschied zu nehmen auf der anderen Seite.
Genauso habe ich aber erfahren, wie man sich auf dem Dorf argwöhnisch beäugt, wie Neid und Missgunst besonders die treffen, die irgendwie anders sind, sich abheben aus dem Durchschnitt. Wie schnell ist das Urteil ausgesprochen: „Der will halt was Besseres sein und bekommt den Hals nicht voll!“ Oder umgekehrt: „Die kriegen´s ja sowieso nicht auf die Reihe.“ Wenn eine Familie geschwächt ist durch Tod oder lange Krankheit, löst das keineswegs immer Hilfsbereitschaft und Solidarität aus, in manchen Fällen wird die Schwäche vielmehr gnadenlos ausgenutzt. Und das ist – so wenigstens mein Eindruck – nicht nur eine Erscheinung des Werteverfalls in den letzten Jahren, bei dem auch die bäuerliche Solidarität vor die Hunde ging. Ich denke, die galt auch früher nicht uneingeschränkt, was durchaus nachvollziehbare Gründe hat. Bauern sind ja nicht nur Berufs- und Standeskollegen, sie stehen auch in Konkurrenz zueinander.
Das Spannungsfeld zwischen Solidarität und Konkurrenz, das hat sich aber in den letzten Jahren verschärft. Auf der einen Seite werden die Bäuerinnen und Bauern in unserer Gesellschaft immer stärker zu einer Minderheit, diese Gesellschaft gibt immer weniger Geld aus für Nahrungsmittel. Umso wichtiger wäre, dass die weniger werdenden Bauern gemeinsam auftreten, damit ihre Stimme Gehör findet, ihre berechtigten Interessen eine Chance haben, nicht zuletzt das Interesse, für Qualitätsprodukte angemessen bezahlt zu werden. Andererseits gibt es inzwischen sehr unterschiedliche und unterschiedlich strukturierte Betriebe mit teilweise ganz verschiedenen Interessen. Und es gibt, von der Politik durchaus gefördert, verstärkt Konkurrenz: um Flächen, um Marktanteile, wobei die Konkurrenten nicht nur im eigenen Dorf oder in der Region sitzen, sondern unter Umständen in ganz anderen Weltgegenden. So zynisch das ist: Missernten in fernen Kontinenten lassen unsere Getreideerzeuger besser verdienen. Und wenn einer im Dorf aufgibt, könnte das den anderen die Chance eröffnen, günstig an Flächen zu kommen. Eine, wie ich vermute, manchmal schwer auszuhaltende Spannung: auf der einen Seite die Notwendigkeit und auch das Empfinden von Solidarität unter Berufskollegen. Auf der anderen Seite das mögliche Profitieren vom Misserfolg anderer oder aber die Angst vom erfolgreichen Nachbarn an die Wand gedrückt zu werden.
Auf diesem Erfahrungshintergrund mute ich sie uns noch einmal zu, Paul Gerhardts fast 350 Jahre alte Liedstrophe. Nicht als „Moralkeule“, man bedenke, es ist ein Gebet, eine Bitte an Gott. Ob wir diese Bitte zur unseren machen können, das sei vorerst dahingestellt.
Lass mich mit Freuden ohn alles Neiden
sehen den Segen, den du wirst legen
in meines Bruders und Nähesten Haus.
Geiziges Brennen, unchristliches Rennen
nach Gut mit Sünde, das tilge geschwinde
von meinem Herzen und wirf es hinaus.
Wie auch immer wir dazu stehen – die Strophe schlägt ihn jedenfalls an, den unheiligen Dreiklang, der damals wie heute üble Misstöne in unser Leben und Zusammenleben bringt: Neid, Geiz und Gier, genauer: Habgier. Sie schlägt ihn an mit der Bitte an Gott, der Missklang möge aufhören, wenn schon nicht bei den anderen, dann wenigstens in mir drin: „Geiziges Brennen, unchristliches Rennen nach Gut mit Sünde, das tilge geschwinde von meinem Herzen und wirf es hinaus.“
Ob das nur ein weltfremder frommer Wunsch ist oder mehr, ob und wie es möglich ist, die in den Ohren gellenden Töne von Neid, Geiz und Gier umzustimmen in den wohlklingenden Akkord von Gelassenheit, Wertschätzung und Solidarität, darüber will ich mit Ihnen nachdenken. Erwarten Sie aber von mir keine detaillierte Anleitung, wie man im Dorf und unter Landwirten menschlich und fair miteinander umgehen sollte trotz der erwähnten Konkurrenzsituation und der schwierigen Wirtschaftslage. Es wäre anmaßend, wenn ich als Nicht-Landwirt Ihnen vorschreiben wollte, was Sie zu tun, und vor allem, was Sie zu lassen haben. Worüber ich aber zu und mit Ihnen reden will ist, wie aus unserem christlichen Glauben eine innere Einstellung wachsen kann, die uns die Spannungen besser aushalten lässt, die uns weniger anfällig macht für die verderbliche Wirkung von Neid, Geiz und Gier.
Neid, Geiz und Gier – ich habe von einem „unheiligen Dreiklang“ und von „Misstönen“ gesprochen, aber in unserer Gesellschaft wird das oft gar nicht mehr so wahrgenommen. Sicher wird kaum jemand einfach zugeben, dass er neidisch ist auf den einen oder anderen Mitmenschen. Aber wie viele überdimensionierte Autos oder Traktoren blieben ungekauft, wenn es nicht darum ginge, mit dem Nachbarn gleichzuziehen, besser noch: ihn zu übertrumpfen, damit er wiederum neidisch wird? Neid ist ein wesentlicher Antrieb der Konsumspirale schon bei Jugendlichen – das Handy, die Markenjacke, die der Klassenkamerad hat, will man auch haben. Bis hin zu Erpressungen und Gewaltanwendung, wenn man sich das Erwünschte nicht leisten kann.
Und der Geizige, das ist nicht mehr der sprichwörtlich sparsame Schwabe oder Schotte, der das Geld zusammen halten will und sich selber kaum etwas gönnt. Geiz – in unserer schönen Werbewelt heißt das vielmehr: möglichst viel und hemmungslos konsumieren und dafür kaum etwas bezahlen. Billig, billiger, noch billiger – seien es Unterhaltungselektronik oder Lebensmittel. So verspricht es wenigstens die Werbung, und viele glauben den aggressiven Sprüchen, denken tatsächlich, sie könnten das Neueste und Beste für ganz wenig Geld erwerben.
Ob das neue Handy, der noch größere Flachbildschirm wirklich sein Geld wert ist und besser als das alte Gerät, die Frage stellt man sich dagegen selten. Ob man bei immer billigeren Lebensmitteln noch auf Qualität setzen kann, welche Folgen die Niedrigstpreise zum Beispiel für Milchprodukte für unsere heimische Landwirtschaft haben, das liegt eh außerhalb des Horizonts derer, die Geiz für … na, ja … halten.
Und wie sieht es mit der Gier aus? Dass die Hirn und Herz frisst, wie der quer denkende Raiffeisen-Banker im Ruhestand Fritz Vogt aus Gammesfeld anlässlich der Finanzkrise formulierte, das wissen zwar einige, aber es hat kaum Folgen. Nicht nur, dass uns die Gier nach überdimensionalen Renditen und Boni die Finanz- und Wirtschaftskrise beschert hat, leider auch denen, die gar nicht mit gezockt haben – nein, nach nur kurzer Schamfrist scheint diese Jagd kaum verändert weiter zu gehen.
Neid, Geiz und Gier – der unheilige Dreiklang. Ich will nun nicht behaupten, dies seien die einzigen Töne, die zu hören sind in unserer Zeit. Ich höre sehr wohl auch anderes: ein großes ehrenamtliches Engagement in Kirchen, im Evangelischen Bauernwerk, in Vereinen und Verbänden, in Chören. Neid, Geiz und Gier sind nicht alles, Gott sei Dank, aber der Misston erklingt doch lauter als früher, und viele haben sich dran gewöhnt, empfinden ihn gar nicht mehr als solchen. Paul Gerhardts Strophe freilich zeigt: im Grundsatz ist das nichts Neues. Neid, Geiz und Gier sind wahrscheinlich grundmenschliche Denk- und Verhaltensweisen. Sie gänzlich verbieten oder ausrotten zu wollen wäre ein aussichtsloses Unterfangen. Wenn wir ihnen freilich freie Bahn lassen, sie sich ungestört austoben können in unseren Herzen, in unserer Gesellschaft, können sie vieles vergiften und zerstören. In diesem Sinne verstehe ich Paul Gerhardts Gebet. Er will ihnen nicht kampflos das Feld überlassen und bittet Gott um Beistand.
Aber nicht erst der Lieddichter im 17 Jahrhundert, schon die Bibel weiß um die verderbliche Wirkung von Neid und Missgunst, von Geiz und maßloser Gier. Drei Beispiele.
Die Geschichte von Kain und Abel (1. Mose 4). Der Ackerbauer und der Hirte. Beide bringen Gott ein Opfer dar. Und nun heißt es seltsamerweise: Gott sieht Abels Opfer gnädig an, das seines Bruders aber nicht. Was bedeutet das? Ist es ein Bild dafür, dass Abel mit seiner Arbeit Erfolg hat, Kain aber, obwohl er sich genauso anstrengt? Oder ist das nur Kains Eindruck: Er hat das Gefühl, von Gott weniger geachtet zu sein als Abel. Jedenfalls: Neid steigt in ihm auf und Hass. Aber noch ist es nicht zu spät, denn Gott selbst warnt ihn: „Warum bist du zornig, und warum ist dein Blick gesenkt? Ist es nicht so: Wenn du gut handelst, kannst du frei aufblicken. Wenn du aber nicht gut handelst, lauert die Sünde vor deiner Tür; und nach dir steht ihre Begier; du aber sollst Herr werden über sie.“
Das bedeutet: Neid, das Gefühl benachteiligt zu sein, das gibt es. Ob aber Hass und Mord daraus wird, das liegt an uns. Ob wir dem Untier in uns noch weiter Nahrung geben oder ob wir versuchen es zu bändigen. Kain hat es bekanntlich nicht geschafft, seinen Bruder umgebracht. Am Anfang seiner „Karriere“ steht in jedem Fall das Gefühl benachteiligt zu sein, die Angst zu kurz zu kommen. Ob dann jemand, der sich seiner Position sicher ist, der genug hat zum Leben und zufrieden ist – ob der oder die weniger anfällig ist für Neid, Geiz und Gier? Weniger vielleicht schon, aber sicher nicht ganz frei. Denn man könnte ja verlieren, was man hat. Und je mehr das ist, desto größer der Absturz. Selbst wenn einem niemand ans Leder will – fast immer wird es noch Menschen geben, die mehr haben, die einem den eigenen Besitz klein erscheinen lassen. Überhaupt scheint der Mensch selten zufrieden zu sein mit dem, was er oder sie hat, frei nach Wilhelm Busch: „Denn jeder Wunsch, wenn er erfüllt, kriegt augenblicklich Junge.“
Dennoch: am Anfang von Neid, Geiz und Gier steht die Angst. Das zeigt auch die zweite Geschichte, die vom Turmbau zu Babel (1. Mose 11). Auf den ersten Blick spricht die nur von Maßlosigkeit und Größenwahn: „Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reicht, damit wir uns einen Namen machen.“ Doch der Nachsatz macht deutlich: dahinter steht pure Angst: „Denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder.“ Doch genau das geschieht als Folge des Turmbaus. Das, wovor sie Angst hatten, das, was sie mit ihrer größenwahnsinnigen Aktion verhindern wollten, genau das trifft ein. Ob dies wohl übertragbar ist auf die Reaktion der Staaten auf die Finanz- und Wirtschaftskrise? Dass mit einer gigantischen Kraftanstrengung und vielen Schulden das Problem am Ende nur verschärft wird. Es steht zu befürchten, auch wenn wir es uns gewiss nicht wünschen sollten.
Die dritte biblische Geschichte ist ein Gleichnis Jesu, das von den Arbeitern im Weinberg (Matthäus 20). Die einen haben zwölf, andere nur eine Stunde gearbeitet, doch alle erhalten denselben Lohn, das Existenzminimum, das der Familie Brot für den kommenden Tag bringt. Da die Auszahlung bei den Kurzarbeitern beginnt und diese überraschenderweise den vollen Lohn erhalten, erwarten die, die den ganzen Tag dabei waren, natürlich mehr. Doch auch sie bekommen den einen Denar. Sie ärgern und beschweren sich. Der Hausherr aber spricht einen persönlich an, wirbt um Verständnis: „Freund, ich tue dir nicht unrecht. Hast du dich nicht mit mir auf einen Denar geeinigt? Nimm, was dein ist und geh! Ich will aber diesen letzten gleich viel geben wie dir. Oder ist es mir etwa nicht erlaubt, mit dem, was mein ist, zu tun, was ich will? Machst du ein böses Gesicht, weil ich gütig bin?“
Der letzte Satz ist der entscheidende: Dir fehlt doch nichts, wenn es dem anderen auch gut geht. „Lass mich mit Freuden ohn alles Neiden sehen den Segen, den du wirst legen in meines Bruders und Nähesten Haus.“ Anders als die Geschichte vom Brudermord endet das Gleichnis offen. Es wird nicht erzählt, ob sich der Arbeiter hat überzeugen lassen, sein Zorn besänftigt wurde. Damit ist es an uns, die Geschichte zu Ende zu bringen: Lassen wir uns die Rede des Hausherrn – in dem natürlich indirekt Jesus selbst spricht – zu Herzen gehen oder nicht? Jesus hält uns Menschen nämlich nicht für unrettbar böse. Er weiß, in uns wohnen auch andere Möglichkeiten, manchmal schlummern sie freilich und müssen erst wieder geweckt werden: Mitgefühl, Einsicht, die tiefe Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden.
Angst, der Versuch sich gegen alle Gefahren abzusichern, dazu das Gefühl benachteiligt und ungerecht behandelt zu werden – das sind dagegen, wenn wir den biblischen Texten folgen die Wurzeln von Neid, Geiz und Gier. Nach meiner Überzeugung sprechen die biblischen Geschichten damit eine tiefe Wahrheit, eine sehr genaue Menschenkenntnis aus.
Doch was hilft dagegen? Ich erkenne in der biblischen Tradition zweierlei. Auf der einen Seite sind die Gebote, die Regeln für das Zusammenleben. „Du sollst nicht ehebrechen. Du sollst nicht stehlen. Du sollst nicht als falscher Zeuge aussagen gegen deinen Nächsten. Du sollst nicht das Haus deines Nächsten begehren; du sollst nicht die Frau deines Nächsten begehren oder seinen Knecht oder seine Magd oder sein Rind oder seinen Esel oder irgend etwas, das deinem Nächsten gehört.“ (aus 2. Mose 20)
Die Gebote als äußere Absicherung, damit Neid, Geiz und Gier nicht zu zerstörerisch toben, damit die positiven Möglichkeiten gefördert werden und nicht unter die Räder kommen. „Begehren“ meint dabei nicht nur den Neid, die Gier, die wir in unserem Inneren empfinden. Es meint auch den Versuch, tatsächlich an den Besitz des Mitmenschen zu kommen. Im Gegensatz zu „stehlen“ den Versuch mit legalen oder halblegalen Mitteln. So verstanden wird das Gebot durchaus brisant im Blick auf unsere Wirtschaftsordnung. Man kann freilich fragen, wer nun falsch liegt: das hoffnungslos weltfremde Gebot – oder eine Wirtschaftsordnung, die Neid und Gier fördert und fordert, die uns geradezu zwingt zum Versuch, auf Kosten anderer unsere wirtschaftliche Existenz zu sichern. Selbst wenn wir dem Gebot und der Paul Gerhardt-Strophe aus tiefster Überzeugung Recht geben – es bleibt die Frage, in wieweit wir beim üblen „Spiel“ mitspielen müssen, um nicht unter die Räder zu kommen, oder wo es tatsächlich Möglichkeiten gibt, sich dem zu entziehen, wenigstens teilweise. Denn dass das „Spiel“ nicht gut ausgehen kann, für die Mitmenschlichkeit, für die Umwelt, für die Existenz unzähliger Menschen in ärmeren Weltgegenden, letztlich aber auch für uns selbst, für unsere Seele – das ahnen wir. Doch wo sind die Ausstiegsmöglichkeiten, wie lässt sich der Weg finden in Richtung von Gelassenheit, gegenseitiger Wertschätzung und Solidarität?
Die Bibel gibt uns dazu nicht nur die Gebote, sie lädt uns vor allem ein zum Vertrauen auf Gott. Ich bin überzeugt: wenn es denn ein Heilmittel gibt gegen die Angst zu kurz zu kommen, gegen Neid und Gier, dann das Vertrauen auf Gott. Auf Gott, der weiß, was wir brauchen, der uns versorgen will mit dem Lebensnotwendigen. Auf Gott, der eben „gütig“ ist, wie es der Hausherr in Jesu Gleichnis ausdrückt.
Vertrauen auf Gott, das heißt nicht, die Hände in den Schoß legen und warten, dass Gott für mich sorgt. Es heißt aber gelassen an die Arbeit gehen, Verantwortung übernehmen. Im Wissen, dass ich mein Teil tun kann und soll, dass aber nicht alles in meiner Hand liegt, machbar ist.
Vertrauen auf Gott, den Schöpfer, den gütigen Vater im Himmel – das ist auch die Klammer, in der Paul Gerhardts Strophe erst ihren richtigen Sinn bekommt. Keine Moralkeule, sondern ein Gebet, eine Bitte an Gott. Die Bitte folgt aber erst auf das großartige Vertrauensbekenntnis: „Abend und Morgen sind seine Sorgen; segnen und mehren, Unglück verwehren, sind seine Werke und Taten allein. Wenn wir uns legen, so ist er zugegen; wenn wir aufstehen, so lässt er aufgehen über uns seiner Barmherzigkeit Schein.“ (EG 449, 4)
Ja, das ist für mich Glaube. Nicht die Moralkeule, sondern die Einladung, dass Vertrauen wachsen, dass dafür Angst, Neid und Gier weniger werden können. Die Veränderung zum Guten beginnt nach meiner Überzeugung in uns drin, in unserem Herzen. „Herz“ meint dabei in der Bibel wie auch in Paul Gerhardts Strophe nicht allein das Gefühl, sondern das Zentrum der Person. Das Herz denkt, plant, wünscht sich etwas, hegt Erwartungen an die Zukunft, positive wie negative, liebt und hasst, ist aus Stein oder aber auch Fleisch und Blut. Die Veränderung beginnt, wenn ich dem Untier in mir die Nahrung entziehe und dafür den guten Baum gieße, den des Vertrauens auf Gott, aus dem heraus Gelassenheit, Mitgefühl und Solidarität wachsen.
Durch Gottes Barmherzigkeit: „Sein Heil und Gnaden, die nehmen nicht Schaden, heilen im Herzen die tödlichen Schmerzen, halten uns zeitlich und ewig gesund. Gott, meine Krone, vergib und schone, lass meine Schulden in Gnad und Hulden von meinem Herzen sein abgewandt. Sonsten regiere mich, lenke und führe, wie dir´s gefället, ich habe gestellet alles in deine Beliebung und Hand.“ (EG 449, 9+10)
Damit könnte der Vortrag enden, aber das wäre zu schön, zu glatt. Zum einen, weil wir nicht im Paradies leben, sondern in dieser Welt und immer wieder zu Kompromissen genötigt sind. Beispiel Fortbewegung: Auch wenn ich versuche, so viel es geht mit dem Zug oder im Sommer mit dem Fahrrad zu erledigen – ich muss beruflich viel mit dem Auto unterwegs sein. Beispiel Energiegewinnung: Auch die „Energie vom Acker“ ist nicht die Lösung aller Probleme, für die man sie eine gewisse Zeit gehalten hat. Eine vollkommen „saubere“ Energiegewinnung gibt es nicht und wird es nicht geben, genauso wenig eine Nahrungsmittelproduktion, bei der keine Emissionen entstehen. Realismus ist angesagt und eine gesunde Skepsis gegen alle Heilsversprechungen. Es bleibt freilich die Aufgabe nach Wegen zu suchen, die weniger Schaden anrichten. Und ein Stück Bescheidenheit zu lernen, was der Lebensqualität durchaus nicht schaden muss, im Gegenteil.
Freilich, und das ist der zweite Grund, warum nicht alles glatt aufgeht: auch in mir selbst werden die Misstöne von Neid, Geiz und Gier wohl nie ganz verklingen. Wenn es gut geht, werden sie insgesamt leiser und sind nur noch ab und zu zu hören. Aber noch sind wir auf dem Weg und nicht am Ziel, wie es ein Text von Martin Luther sagt, der in unserem Gesangbuch abgedruckt ist: „Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind´s noch nicht, wir werden´s aber. Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg. Es glüht und glänzt noch nicht alles, es reinigt sich aber alles.“ (EG Württemberg, S. 424)
Die völlige Harmonie, die ist für dieses Leben nicht verheißen, sie wartet auf uns als Ziel jenseits dieser Welt und Zeit: „Kreuz und Elende, das nimmt ein Ende; nach Meeresbrausen und Windessausen leuchtet der Sonnen gewünschtes Gesicht. Freude die Fülle und selige Stille wird mich erwarten im himmlischen Garten; dahin sind meine Gedanken gericht´.“ (EG 449, 12)