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Presse und Publikationen

Hohebucher Agrargespräch diskutiert den Spagat zwischen Agrarstrukturwandel und Nachhaltigkeitsorientierung

Nischen als Chance für eine nachhaltige Landwirtschaft?

Der Strukturwandel in der Landwirtschaft geht unaufhaltsam weiter. Wie passen diese rasante Entwicklung und das Leitbild einer nachhaltigen Landwirtschaft zusammen? Wie können die drei Zipfel des Nachhaltigkeitsdreieckes aus Ökonomie, Ökologie und Sozialem in Balance gebracht werden, damit gleichzeitig globale Wettbewerbsfähigkeit, landwirtschaftliche Einkommenssicherung und Herausforderungen wie Tierschutz und Klimaschutz gleichermaßen von der praktischen Landwirtschaft berücksichtigt werden können. Mit diesen Fragen des Geschäftsführers des Evangelischen Bauernwerks in Württemberg, Dr. Clemens Dirscherl, war das Hohebucher Agrargespräch 2010 abgesteckt: der Agrarstrukturwandel als Herausforderung für eine nachhaltige Landwirtschaft.

Prof. Dr. Alois Heißenhuber von der TU München-Weihenstephan wies auf das Grundsatzproblem hin: alle gesellschaftlichen Gruppierungen, einschließlich der Agrarwirtschaft, seien für Nachhaltigkeit; jeder würde jedoch unterschiedliche programmatische Akzente setzen. Triebfeder des Strukturwandels sei bis heute der technische Fortschritt, welcher die Arbeitsproduktivität erhöhe, gleichzeitig aber auch zu einer radikalen Rationalisierung der Produktionsprozesse geführt hätte. Damit verbunden sei die Entwertung der Arbeitsleistung und damit auch des Agrarerzeugnisses einhergegangen. Als Alternative für eine wirtschaftliche Nachhaltigkeit, für die ausschließlich die landwirtschaftlichen Unternehmer zuständig seien, ergäben sich: Lohnverzicht, Anpassung an die Produktivitätsentwicklung durch weitere Rationalisierung und Größenwachstum oder Nischenproduktion mit besonderem Mehr-Wert, um höhere Preise zu erzielen. Zwei Extremszenarien sieht der Münchner Agrarprofessor, der auch Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Bundeslandwirtschaftsministeriums ist, für die Landnutzung: eine rein produktionsorientierte, ohne größere Berücksichtigung ökologischer und sozialer Gesichtspunkte und eine multifunktionale, wie sie dem agrarpolitischen Modell europäischer Landbewirtschaftung entspräche. Als neuen Akzent brachte Heißenhuber das Thema Zufriedenheit und Lebensqualität in die Nachhaltigkeitsdiskussion ein. Hier sah er das bäuerliche Arbeitsmodell, bei dem einerseits der wirtschaftliche Lebensunterhalt gesichert, andererseits aber auch im Rahmen von Subsistenzarbeit Selbstverwirklichung betrieben würde, als Alternative zum rein lohnarbeitsorientierten Industriemodell an. Gerade in der Landwirtschaft müsse jeder einzelne für sich fragen, wie er sein individuelles Lebensglück finden könne.

Einen eindeutigen Schwerpunkt auf die ökologische Nachhaltigkeit setzte die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz, Prof. Dr. Beate Jessel, da die generationenverantwortliche Lebenssicherung Voraussetzung auch für die Erreichung der ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeitsziele sei. Dabei plädierte sie eindeutig für eine multifunktionale Landwirtschaft, bei der neben der Nahrungsproduktion auch die ökologischen Funktionen wie Biodiversität, Kulturlandschaftspflege, Naturschutz und Klimaschutz gehörten. Besonders die moderne Landwirtschaft mit ihrer zunehmenden Intensivierung führe zu ökologischen Herausforderungen, die durch einen agrarischen Strukturwandel vermehrt Richtung Nachhaltigkeit zu verändern seien: ökologische Beeinträchtigungen wie Bodenerosion, Stickstoffeintrag ins Grundwasser, Verdichtung der Böden, Humusabbau und damit verbundener Abbau der Bodenfruchtbarkeit, waren nur einige der Problemanzeigen, welche einen Wandel erforderlich machten: nicht nur in der Landwirtschaft, sondern zunächst „in den Köpfen der Gesellschaft“. Daher forderte Jessel auch einen politischen Paradigmenwechsel, dass Ausgleichszahlungen vermehrt an die Honorierung ökologischer Leistungen gebunden werden müssten, wodurch die Landwirtschaft zum Trendsetter einer insgesamt ökologisch ausgerichteten Gesellschaft werden könne.

Für den landwirtschaftlichen Berufsstand wies der stellvertretende Generalsekretär des Deutschen Bauernverbandes Adalbert Kienle auf die Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Strukturwandels hin, dem auch die Landwirtschaft unterliege. Er betonte insbesondere die Bildung des landwirtschaftlichen Nachwuchses, den Ausbau von Agrarforschung und -wissenschaft als Voraussetzung für Nachhaltigkeitsorientierung. Die Welternährungssicherung sah er als größte Herausforderung für die globale Nachhaltigkeitsdiskussion und mahnte vor anwachsendem Aufkauf landwirtschaftlicher Nutzungsflächen weg von den bäuerlichen Bewirtschaftern hin zu kapitalkräftigen Investoren. Die Diskussion um ökologische Probleme sei durch den technischen Fortschritt in den letzten Jahren eher reduziert denn gestiegen. Insgesamt bewertete Kienle daher den Strukturwandel in der Landwirtschaft auch als eine Chance für neue Lebenskonzepte in aber auch neben oder außerhalb der Landwirtschaft.

Aus agrarpolitischer Sicht wies Dr. Rainer Gießübel aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium auf ein Grundproblem hin: den Flächenverbrauch von durchschnittlich 130 ha landwirtschaftlicher Nutzungsfläche pro Tag in Deutschland. Nachhaltigkeit müsse sich das Ziel setzen, diese immense Fläche auf 30 ha zu reduzieren. Er gab einer Ausrichtung nachhaltiger Landwirtschaft in Einbindung der gesamten Lebensmittelkette zu bedenken. Insbesondere die Fragen von Biodiversität und Klimawandel müssten im globalen Maßstab dabei verstärkt Berücksichtigung finden. Die Politik werde dabei weniger auf unmittelbare Eingriffe denn eher Anreize durch Förderprogramme und Prämien setzen. Gießübel wies darauf hin, dass Nachhaltigkeit dynamisch zu verstehen sei und sich die Politik jeweils im Hinblick auf die globalen Auswirkungen anpassen müsse, weswegen der Strukturwandel in der Landwirtschaft auch Teil der Nachhaltigkeitsentwicklung sei.

In der abschließenden Diskussion herrschte Übereinstimmung, dass der Markt alleine nicht die Nachhaltigkeit in der Landwirtschaft fördern könne, sondern dass entsprechende Spielregeln von Seiten des Staates gesetzt werden müssten. Alleine die Ergebnisse des Londoner Klimagipfels zeigten, dass Leitplanken fehlten und die Politik versagt habe. Von Seiten der praktischen Landwirte wurde der Zielkonflikt innerhalb der Nachhaltigkeit deutlich: einerseits wollte man das Grünland erhalten, andererseits die Rinderhaltung im Sinne des Klimaschutzes vermindern. Dabei stelle sich die Frage, wie der vermehrte Grünlandertrag dann nachhaltig genutzt werden könne. Alle Referenten betonten, dass man die Landwirtschaft z.B. mit ihrer Rinderhaltung nicht zum „Klimasünder“ stempeln dürfe. Hier sei eine differenzierte Betrachtung der Klimabilanzen und gesellschaftlichen Erfordernisse zu berücksichtigen.

Waldenburg-Hohebuch, 15.01.2010
Dr. Clemens Dirscherl


Foto: Die Referenten mit Dr. Clemens Dirscherl in der Mitte.



Foto: Die Zuhörer beim Agrargespräch 2010.



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