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Presse und Publikationen

Fortbildung für Landwirtschaftliche Familienberater/innen in Hohebuch: Männer und das (un)heimliche Land der Gefühle

Sind Männer anders als Frauen? Und wenn ja, was bedeutet das für die Beratungspraxis der Familienberatung? Das waren zwei Fragestellungen, die das Seminar begleiteten. Dabei begann alles überraschend allgemein mit einer Historie der Männlichkeit und einer Beschreibung seiner Krise. Der Referent, Björn Süfke aus Bielefeld, bekannte sich mit herzlicher Offenheit dazu, dass er sich beruflich jeher vorrangig für Männer und deren Befindlichkeiten interessiert. Das wollte er jedoch nicht als Kritik an Frauen oder weiblich sowie emanzipatorisch orientierten Standpunkten verstanden wissen, sondern als überfälliger Beitrag, auch Männern, ihren Konflikten und ihren spezifischen Problemen, Aufmerksamkeit zu widmen.

Aktuell erkennt Süfke eine zweifache (Double Bind) Anforderung an Männer: Einerseits sollen sie typisch männlich, d. h. beispielsweise durchsetzungs- und leistungsorientiert sein, andererseits wird von ihnen verlangt, dass sie Gefühl zeigen und auch darüber reden. Zusammengefasst könnten man sagen: „Nun reiß Dich mal zusammen und zeig Gefühl!“ Das Männer oft dieser Anforderung nicht nachkommen, liegt nicht an einem Mangel an Bereitschaft oder gutem Willen, so der Referent, sondern an einer weit verbreiteten männlichen Unfähigkeit, Gefühle zu empfinden. „Über etwas, was man nicht empfindet, kann man beim besten Willen auch nicht reden und Auskunft geben.“ so der Referent.

Verantwortlich für diese Merkwürdigkeit, so Süfke, ist in erster Linie die spezifisch männliche Sozialisation, die bewusst wie unbewusst von den Eltern, der Familie, der Umgebung sowie der Gesellschaft betrieben wird. Dazu gehören allgemeine Aspekte wie das Fehlen (gefühlvoller) männlicher Bezugspersonen in weiten Bereichen der Gesellschaft ebenso wie die spezielle Ausrichtung der heranwachsenden Männer auf sog. männliche Werte wie a) Status, Leistung, Macht; b) Kein Weiberkram; c) Die stämmige Eiche; d) Unerschrocken- und Wildheit. Diese Imperative prägen den Mann, so Süfke, wohl nicht jeden Mann im gleichen Maß, jedoch im Durchschnitt deutlich mehr, als den Durchschnitt der Frauen. Und hier liegt auch die Ursache, so Süfke, dass Männer tendenziell Gefühle durch Außenorientierung und einem Streben nach Funktionalität ersetzen.

Dabei, so Süfke, haben Gefühle wie beispielsweise Angst, Ärger, Scham, Schuld, Freude, Ekel, Trauer, Überraschung und Hilflosigkeit eine sehr wichtige Informationsfunktion, weil ohne dieses Empfinden ein selbst bestimmtes Leben nicht möglich ist. Gefühlsabwehr, beispielsweise durch Rationalisierung, führt zu Inkongruenz und typisch männlichen Dilemmata wie beispielsweise die Hassliebe gegenüber Frauen und ist auf Dauer psychisch wie psychosomatisch krankmachend. In diesem Kontext widersprach Süfke deutlich vereinfachenden beraterischen Ansätzen, die im Erkennen von Gefühlen zugleich und automatisch Handlungsansätze sehen. Obwohl das Gefühl Angst funktional die elementare Aufgabe hat, vor Gefahr zu schützen, sei es beispielsweise nicht immer sinnvoll, Angst durch davonlaufen oder vorauseilende Gewaltanwendung zu begegnen. Das Gefühl ist das eine, das wahrgenommen und erkannt werden will, was wir dann damit machen, so Süfke, sollte jedoch nicht das Gefühl sondern der Kopf entscheiden.

In der Grundhaltung, dass es nicht die Aufgabe von Beratung sein kann, Anforderungsprofile zu untermauern, setzt der Referent im Umgang mit männlicher Gefühlsferne sowie in Ergänzung zum Ansatz der Klientenzentrierten Gesprächsführung auf eine Reihe von beraterischen Interventionen. Es erscheint ihm beachtenswert, a) von „Sollen“ zum „Wollen“ zu kommen und sich dabei auch auf Sehnsüchte zu fokussieren, selbst wenn ihre Unerreichbarkeit Trauer fühlen lässt; b) auch fachliche Erklärungen über Sozialisation und neuronale Zusammenhänge können hilfreich sein, c) mit dem „inneren Kind“ ins Gespräch zu kommen, da Männer Opfer wie Täter ihrer Gefühlsabwehr gleichermaßen sind; d) Sympathie und Lob auszusprechen und geduldig zu sein; e) Humor an den Tag zu legen; f) auch ein Stück „Wir Gefühl“ und Solidarität von Mann zu Mann zu zeigen.

Insgesamt führt dieser Ansatz weiter zum beraterischen Konzept der „liebevollen Konfrontation“ der nach Ansicht von Süfke eine Gradwanderung zwischen einem liebevollen und konfrontativen Umgang mit den Klienten ist und immer Gefahr läuft, entweder zu liebevoll oder zu konfrontativ zu sein. Um hier weder auf der einen noch auf der anderen Seite abzustürzen empfiehlt Süfke, mit dem Klienten auch auf der Metaebene fortgesetzt im Austausch zu bleiben, beispielsweise durch Fragen wie: „Jetzt habe ich Angst, dass ich Ihnen zu Nahe getreten bin, wie sehen sie das?“ Oder: „Ich befürchte, das reicht noch nicht, wie wäre es für Sie, wenn ich mein Anliegen noch deutlicher formuliere?“

Im Gespräch über praktischer Hürden in der landwirtschaftlichen Familienberatung verwies Süfke zudem darauf, dass die eigentliche inhaltliche Arbeit (Ebene 3) mit den Klienten erst dann beginnen kann, wenn zuvor die Arbeitsebene (Ebene 2) und die Beziehungsebene (Ebene 1) ausreichend geklärt sind. Somit ist für Süfke das Verstehen der typisch männlichen und landwirtschaftlichen Sozialisation eine Voraussetzung dafür, auf der grundlegenden ersten Beziehungsebene ein belastbares Einvernehmen herzustellen. Dann geht es darum, durch Erkennen, Annahme und Würdigung der typisch männlichen und landwirtschaftlichen Lebensbewältigungsstrategien und durch die Annahme des Zustandes der Nichtbezogenheit zu den eigenen Gefühlen, die zweite Ebene, die Arbeitsebene herzustellen. Erst dann kann durch die Einladung zu einer inneren Entdeckungsreise die eigentliche Arbeit auf der dritten Ebene beginnen, in deren Folge durch innere Kongruenz die Grundlage für selbstbestimmtes und damit sinnvolles Handeln gelegt wird.

Im Verlauf des Seminars ergaben sich für die Teilnehmer/innen immer wieder Gelegenheiten zur Selbsterfahrung sowie Möglichkeiten, den Ansatz der liebevollen Konfrontation in Rollenspielen zu erproben. Insgesamt zeichnete sich das Seminar von Herrn Süfke durch Humor und viele ausgesprochene Selbstreflexionen aus, beispielsweise sinngemäß: „Jetzt befürchte ich, das dieser Bericht in der gebotenen Kürze nicht jeden wertvollen Tagungsbeitrag ausreichend darstellt.“ Wer sich für das Thema interessiert und mehr erfahren will, dem sei deswegen das Goldmann Taschenbuch von Herrn Björn Süfke „Männerseelen“ sehr empfohlen.

Hohebuch, den 27.01.2015 , Volker Willnow


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